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fbÄ #46 - Artikel #1 - - - okt 2005

Freibergs vergessener Poet

[fbÄ; ray] Er gilt als einer der Erfinder des Grusel- und Schauerromans und wird von der Literaturwissenschaft als Trivialautor geschmäht. Seine großen Interessen galten der Schauspielerei und der Frage, wie in einer an sich rationalen Welt Verbrechen, Wahnsinn und Selbstmord entstehen. Die Rede ist von Christian Heinrich Spieß, der in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag hatte. Er gehörte im ausgehenden 18. Jahrhundert neben Albrecht, Cramer, Marquis Grosse und Jean Paul zu den meistgelesenen Schriftstellern. Spieß wurde am 4. April 1755 in Helbigsdorf im Landkreis Freiberg als Sohn eines Pfarrers geboren und hat in Freiberg das Gymnasium besucht. Die Kulturbeflissenen aus Freiberg haben diesen berühmten Sohn ihrer Stadt schlicht vergessen. FreibÄrger stellt ihn deshalb vor und veranstaltet am 15. November ab 19.30 Uhr einen Spieß-Abend im Antik-Cafe.

Christian Heinrich Spieß ist das zweite von drei Kindern. Seine ältere Schwester Christiane Henriette wird 1753, sein jüngerer Bruder Christian Friedrich 1761 geboren. Der Vater stirbt vierzehn Tage vor der Geburt seines jüngsten Sohnes im Alter von 35 Jahren. Christian Heinrich Spieß tritt am 20. März 1769 in die Sekunda des Freiberger Gymnasiums ein, das damals unter der Leitung des Rektors Johann Gottlieb Biedermann stand. Am 18. März darf er vor dem Kurfürst Friedrich August der Gerechte vortragen. Wann Spieß das Gymnasium verlässt, bleibt unbekannt. 1772 lebt er bereits als Student in Prag. Am Karolinum hört er „Vorlesungen über die deutsche Schreibart“ bei Karl Heinrich Seibt (1735-1806). Seibts „Hülfsmittel einer guten deutschen Schreibart“ von 1773 enthalten zwei Stilübungen von Spieß. Bevor sich Spieß der Schriftstellerei widmet, engagiert er sich 1774 als Schauspieler. Bis 1779 Mitglied im Ensemble Karl Wahrs, einer bekannten Wanderbühne, spielt er in Esterhazys Haustheater, in Preßburg, Salzburg, Ofen und in Prag. Sein Repertoire umfasst schüchterne Liebhaber und Heldenväter; der alte Moor wird seine Lieblingsrolle, schrieb der Germanist Wolfgang Promies in dem lesenswerten Nachwort zu Spieß’ „Biographien der Wahnsinnigen“. Der weit geachtete Schauspieler trat 1782 zum ersten Mal mit einem eigenen Stück an die Öffentlichkeit, dem Lustspiel „Die drei Töchter“, das auch am Deutschen Theater in Petersburg mit Erfolg aufgeführt wurde. Ein Trauerspiel „Maria Stuart“ kam immerhin 17 Jahre vor Schillers im Jahre 1783 heraus. Das Ritterdrama „Klara von Hoheneichen“, das 1792 in Prag uraufgeführt wurde, machte ihn berühmt.. Das Stück wurde auf fast allen großen deutschen Bühnen gespielt. Johann Wolfgang Goethe führte es bis 1805 am Weimarer Hoftheater zehnmal auf. Die Hauptfigur, der Ritter Adelungen, galt lange Zeit als eine Paraderolle für Heldendarsteller. Das Stück schrieb der „Liebling der Mutter Natur“ wie der Gothaer Theaterkalender den Schauspieler und Theaterdichter Spieß feierte, in der Nähe von Prag , auf dem Schlosse Bezdiekau, das dem Grafen Caspar Hermann von Künigl (1745-1814) gehörte. Dort verlebte Christian Heinrich Spieß sein letztes Lebensjahrzehnt als Gesellschafter und Reisebegleiter des Grafen, seine Bekanntheit lockte viele BesucherInnen auf das Schloss. Die meisten seiner Werke - in der Mehrzahl Prosaerzählungen und Romane - verfasste Spieß auf Schloss Bezdiekau. Dort entstanden 40 stattliche Bände. Am 17. (laut Sterbematrikel am 19.) August 1799 ist Spieß an der „Abzehrung“ und einem Nervenfieber im Alter von 45 Jahren gestorben. Er liegt auf dem Bezdiekauer Friedhof an der Straße von Klattau nach Taus begraben. Spieß ist arm gestorben, weil er das Geld verschenkte, das ihm seine populären Werke einbrachten. Den Ruf „Vater des Schauerromans“ zu sein, brachte ihm wohl das Stück „Das Petermännchen, eine Geistergeschichte aus dem dreizehnten Jahrhundert“ ein. Die Geschichte wurde in den Jahren 1791 und 1792 zu Prag als Fortsetzungsroman in Meißners Zeitschrift „Apollo“ zuerst veröffentlicht. Der verruchte Held verführt darin sechs Frauen, lebt mit seiner Tochter unwissentlich in blutschänderischer Ehe, ermordet siebzig Menschen, bevor ihn der Teufel holt und in der Luft zerreißt. Spieß beeinflusste nicht nur das zeitgenössische Lesepublikum, sondern auch andere Schriftsteller In England, Frankreich erschienen Übersetzungen; dem „Petermännchen“ sagt man nach, dass es noch auf die „Gothic Novel“ eingewirkt habe und für „The Monk“ (1796) von Lewis vorbildlich gewesen sei. Das Genre „Schauerroman“ erweist sich als erfolgreich, Kriminalroman und Horrorfilm werden davon befruchtet. Den „Biographien der Wahnsinnigen“ lässt Spieß 1796 als Ergebnis seiner Recherchen, Beobachtungen auf Streifzügen durch Böhmen und Süddeutschland „Meine Reisen durch die Holen des Unglücks und Gemächer des Jammers“ folgen. Spieß bleibt seinem Vorsatz treu, durch Mitteilung wahrer Lebensläufe das Gewissen (und Bewusstsein) etwa gegen die Ungerechtigkeit der Justiz aufzurütteln, den Leser nachdenklich zu stimmen, dass Verbrecher unschuldig sein können, Selbstmörder nicht gottlos zu sein brauchen. Spieß ist der Prototyp eines „Aufklärers“, der seinen Schreibberuf ernst nimmt und die Zeitgenossen das Humane sehen lehrte.

Die Figuren von Spieß sind, bevor sie Opfer des Wahnsinns wurden, Opfer der Gesellschaft und der Zeitläufe. Schon lange vor Sigmund Freud wollte Spieß beweisen, dass Wahnsinn selbst verschuldet sei. Er wollte Mittel an die Hand geben, wie man ihm vorbeugen könne. Die grausame Pointe seines eigenen Lebens: Christian Heinrich Spieß wurde am Ende seines Lebens selber wahnsinnig. Seine Geisteszerrüttung brach am Ende in Tobsucht aus, so dass vier Männer ihn kaum zu halten vermochten. Erst eine Stunde vor seinem Tode kam Spieß noch einmal zu sich, notierte Wolfgang Promies in seinem Nachwort zu den Biographien der Wahnsinnigen und kommt zu dem Ergebnis, dass Spieß eine besondere Affinität zu dem Irrationalen, eine fatale Disposition zur Schwermut besessen haben muss. Auf seinem Lieblingsplatz, im Volksmund „Spießfelsen“ genannt, hatte er sich eine Holzhütte erbauen lassen. Hier konzipierte er die Werke seiner letzten Lebenszeit. Spießens Rückzug aus der Gesellschaft und seine extensive Schreiblust waren nach Promies Flucht- und Rettungsversuch in einem. Er mied den Umgang mit Menschen, nahm oft tagelang keine Nahrung zu sich. Nahe seiner Hütte ließ er einen künstlichen Friedhof mit Gräbern und Grabsteinen anlegen, auf dem er Stundenlang spazieren ging. Der tatsächlichen gesellschaftlichen Lage in Deutschland entsprechend konfrontierte Spieß seine Leser(innen) mit den namenlosen Zeitgenossen aus dem 4. Stand oder mit den Ausgesonderten des 3. Stands, die der obrigkeitsstaatlicher Willkür sowie gesellschaftlicher Maßregelung besonders hilflos ausgesetzt waren. Die Ambivalenz des Rationalisten macht den zeitgenössischen Trivialroman, das Schauerstück á la Spieß zu einer psychologisch ungemein fesselnden Erscheinung, weiß Promies zu berichten. Spieß schrieb besser, als sein Ruf will. Vielleicht haben deshalb die Gebrüder Grimm ein Stück von Spieß in ihrer Sammlung "Deutscher Sagen" aufgenommen. Trotzdem fällt das Urteil über Spieß in einem Beitrag von Dr. Albert Sachse in der Unterhaltungsbeilage vom "Freiberger Anzeiger" vom 30. August 1925 äußerst negativ aus. Sachse bezeichnet Spieß als "Modeschriftsteller" und unfähig zu "seelischer Vertiefung", seine Romane "muten uns an wie Werke von dem gefährlichen Reiche der Hintertreppen- und Schundliteratur" beschließt Sachse seinen Beitrag, um am Ende darauf hinzuweisen, dass man sich Spieß "als Sohn der Freiberger Heimat erinnern" soll. Dem renommierten Literaturwissenschaftler Wolfgang Promies und Alexander Kosenina kommt das Verdienst zu, den Freiberger Schriftsteller Christian Heinrich Spieß durch Neuherausgabe der "Biographien der Wahnsinnigen" (1966) und der "Biographien der Selbstmörder" (2005) der Nachwelt erhalten zu haben. Die Stadt Freiberg huldigt lieber dem Fürsten von Bismarck, ein Denkmal für Spieß wurde nie in Erwägung gezogen.


Illustrationen aus "Biographien der Wahnsinnigen", herausgegeben von Wolfgang Promies (Luchterhand)

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