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fbÄ #46 - Artikel #2 - - - okt 2005

Dirty Freiberg

[fump] Geldregen für die Aktion "Sauberes Freiberg" titelte die "Freie Presse" und meldete, dass die Freiberger Stromversorgung GmbH die im Juli 2004 initiierte Aktion „Sauberes Freiberg“ unterstütze und der Vorstand der Stadtwerke AG, Dieter Kurzbuch, an Ordnungsamtsleiter Udo Neie einen Scheck über 500 Euro übergeben habe. Mit dem Geld sollen Schilder für den Albertpark angeschafft werden, die die Hundehalter an ihre Pflichten erinnern. Unser Ostfrieslandkorrespondent war auf Stippvisite in seiner Heimatstadt und hat seine Eindrücke für den FreibÄrger festgehalten.
Die Projektgruppe „Sauberes Freiberg“ setzt sich zusammen aus Vertretern der Verwaltung, des Stadtrates, der Freiberger Werbegemeinschaft und der Agenda 21. Ihre erste Aktion war der „Frühjahrsputz“ im April letzten Jahres. Sie hat maßgeblich den neuen Bußgeldkatalog angeregt, der seit Juli 2004 in Kraft ist und auf großen, ästhetisch anspruchslosen Plakaten in der Innenstadt ausgehängt wurde. Zudem veranstaltete sie einen Schulwettbewerb „Sauberes Freiberg“. Die entstandenen Projektarbeiten wurden ausgestellt und prämiert, Einige sind noch immer in zwei Schaufenstern auf der Berthelsdorfer Straße zu sehen. Ob unsere Stadt nun wirklich „sauberer“ geworden ist, kann ich nicht beurteilen. Ich lebe inzwischen im Friede-Freude- Eierkuchen-Land, einem sehr feinen, wirtschaftlich starken aber leider fernen Teil Deutschlands. Dort haben die Innenstädte keine „sauberen“ Arbeitsgruppen nötig, da es der Jugend offensichtlich an Kreativität und Aktivität fehlt. Die Häuserwände sind blitzblank, selbst das geschulte Auge findet nur sehr wenige Wandmalereien, Aufkleber oder Plakate. Die Suche nach politisch aktiven Jugendlichen gestaltet sich übrigens ähnlich mühsam. Viele lassen sich gehen. Der Konsum von Alkohol und chemischen Drogen ist übermäßig hoch, die Lokalpresse notiert eine ständige Zunahme an nächtlichen Gewalttaten und die Bushaltestelle in meinem Vorort ist zu fast jeder Tageszeit von einem Dutzend rauchender Kinder belegt.Ab und zu komme ich nach Feiberg und gehe durch die Straßen meiner traditionsreichen Heimatstadt. Diesen Sommer wurden 50 neue Papierkörbe aufgestellt, eine lobenswerte Maßnahme. Die häßlichen gelben Plakate hängen leider noch immer, allerdings finden sich wieder viel mehr Aufkleber und sogar einige sehr feine Motive, die mit Hilfe von Schablonen auf die Wände gebannt wurden. Qualitativ kann Freiberg natürlich nicht mit der unglaublichen Kreativität der Straßenkünstler in den Großstädten mithalten, die immer wieder neue Inhalte, Ausdrucksformen und Materialien finden. Es bleibt die Hoffnung auf Kontinuität und Weiterentwicklung der Aktiven und ihrer illegalisierten Kunst auf den Straßen der Kleinstadt. Denn genau das ist Graffiti, eine moderne Kunstform, die über viele Generationen von Malern nun schon seit über 20 Jahren weltweit ausgeübt wird und starken Einfluß auch auf andere Bereiche der visuellen Künste hat. Für um- fassende Informationen und verschiedenste Sichtweisen empfehle ich die „Information & Resources“ Seiten auf www.graffiti.org. Schließlich geht es hier nicht nur um Graffiti, sondern um ein gesamtheitlich „Sauberes Freiberg“. Im Thesaurus finden sich unter „sauber“ einige der folgenden Einträge: gepflegt, rein, anständig, einwandfrei, makellos, mustergültig, tadellos, keimfrei, hygienisch, geputzt, gereinigt... Ein Wort finde ich in diesem Zusammenhang allerdings besonders interessant: steril. Ein „sauberes Freiberg“ im Sinne der Initiatoren der Aktion ist ganz klar ein „Noch Toteres Freiberg“. Sie glauben an die Formel „sauber ist gleich schön“, scheitern damit wieder einmal an geistiger Tiefe und streben so in einem weiteren Bereich nach dem Untergang alternativer Kultur.

Verschmutzungen durch Hundekot, Zigarettenkippen, Flaschen, Papier und Essensrestesind natürlich unangenehm und nicht er strebenswert. Blanke, einfarbige, zumeist graue Wände allerdings sollten als ein noch größeres Unding gelten! Sie sind eine tägliche Dosis Gift in unserer „zivilisierten“ Kultur, gebohren aus übertriebenem Ordnungssinn und enormer Engstirnigkeit. Die Wertigkeit der einzelnen „Sünden“ ist auf dem Bußgeldkatalog klar ersichtlich. Das „Beschmieren“ von Häusern soll mit bis zu 1000 Euro geahndet werden und wird folglich als das mit Abstand größte Übel angesehen. Daher auch die Motivation für diesen Text: ich SCHEIßE auf ein „Sauberes Freiberg“ und vorher verzehr’ ich Erbsensuppe, Spargel und ein Pfund Hacksteak. Vollkommene Ordnung bedeutet Stillstand und Tot. Das bunte Chaos an Schildern, Pfählen und Wänden ist das letzte Leben in der Innenstadt, wo schon Pflanzen reizlos in Beton gepfercht sind. Deshalb schlage ich vor, den Bußgeldkatalog zu korrigieren. Dauerhaft einfarbige Wände und kalte Oberflächen aus Beton und Stahl sollten bestraft werden, indem der Verantwortliche genügend Material finanziert, um die Flächen durch junge Künstler aus der Gemeinde verschönern zu lassen. come clean!
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