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Dirty Freiberg
[fump] Geldregen für die Aktion "Sauberes Freiberg"
titelte die "Freie Presse" und meldete, dass die Freiberger
Stromversorgung GmbH die im Juli 2004 initiierte Aktion Sauberes
Freiberg unterstütze und der Vorstand der Stadtwerke AG, Dieter
Kurzbuch, an Ordnungsamtsleiter Udo Neie einen Scheck über 500 Euro
übergeben habe. Mit dem Geld sollen Schilder für den Albertpark
angeschafft werden, die die Hundehalter an ihre Pflichten erinnern. Unser
Ostfrieslandkorrespondent war auf Stippvisite in seiner Heimatstadt und
hat seine Eindrücke für den FreibÄrger festgehalten.
Die Projektgruppe Sauberes Freiberg setzt sich zusammen aus
Vertretern der Verwaltung, des Stadtrates, der Freiberger Werbegemeinschaft
und der Agenda 21. Ihre erste Aktion war der Frühjahrsputz
im April letzten Jahres. Sie hat maßgeblich den neuen Bußgeldkatalog
angeregt, der seit Juli 2004 in Kraft ist und auf großen, ästhetisch
anspruchslosen Plakaten in der Innenstadt ausgehängt wurde. Zudem
veranstaltete sie einen Schulwettbewerb Sauberes Freiberg.
Die entstandenen Projektarbeiten wurden ausgestellt und prämiert,
Einige sind noch immer in zwei Schaufenstern auf der Berthelsdorfer Straße
zu sehen. Ob unsere Stadt nun wirklich sauberer geworden ist,
kann ich nicht beurteilen. Ich lebe inzwischen im Friede-Freude- Eierkuchen-Land,
einem sehr feinen, wirtschaftlich starken aber leider fernen Teil Deutschlands.
Dort haben die Innenstädte keine sauberen Arbeitsgruppen
nötig, da es der Jugend offensichtlich an Kreativität und Aktivität
fehlt. Die Häuserwände sind blitzblank, selbst das geschulte
Auge findet nur sehr wenige Wandmalereien, Aufkleber oder Plakate. Die
Suche nach politisch aktiven Jugendlichen gestaltet sich übrigens
ähnlich mühsam. Viele lassen sich gehen. Der Konsum von Alkohol
und chemischen Drogen ist übermäßig hoch, die Lokalpresse
notiert eine ständige Zunahme an nächtlichen Gewalttaten und
die Bushaltestelle in meinem Vorort ist zu fast jeder Tageszeit von einem
Dutzend rauchender Kinder belegt.Ab und zu komme ich nach Feiberg und
gehe durch die Straßen meiner traditionsreichen Heimatstadt. Diesen
Sommer wurden 50 neue Papierkörbe aufgestellt, eine lobenswerte Maßnahme.
Die häßlichen gelben Plakate hängen leider noch immer,
allerdings finden sich wieder viel mehr Aufkleber und sogar einige sehr
feine Motive, die mit Hilfe von Schablonen auf die Wände gebannt
wurden. Qualitativ kann Freiberg natürlich nicht mit der unglaublichen
Kreativität der Straßenkünstler in den Großstädten
mithalten, die immer wieder neue Inhalte, Ausdrucksformen und Materialien
finden. Es bleibt die Hoffnung auf Kontinuität und Weiterentwicklung
der Aktiven und ihrer illegalisierten Kunst auf den Straßen der
Kleinstadt. Denn genau das ist Graffiti, eine moderne Kunstform, die über
viele Generationen von Malern nun schon seit über 20 Jahren weltweit
ausgeübt wird und starken Einfluß auch auf andere Bereiche
der visuellen Künste hat. Für um- fassende Informationen und
verschiedenste Sichtweisen empfehle ich die Information & Resources
Seiten auf www.graffiti.org. Schließlich geht es hier nicht
nur um Graffiti, sondern um ein gesamtheitlich Sauberes Freiberg.
Im Thesaurus finden sich unter sauber einige der folgenden
Einträge: gepflegt, rein, anständig, einwandfrei, makellos,
mustergültig, tadellos, keimfrei, hygienisch, geputzt, gereinigt...
Ein Wort finde ich in diesem Zusammenhang allerdings besonders interessant:
steril. Ein sauberes Freiberg im Sinne der Initiatoren der
Aktion ist ganz klar ein Noch Toteres Freiberg. Sie glauben
an die Formel sauber ist gleich schön, scheitern damit
wieder einmal an geistiger Tiefe und streben so in einem weiteren Bereich
nach dem Untergang alternativer Kultur.

Verschmutzungen durch Hundekot,
Zigarettenkippen, Flaschen, Papier und Essensrestesind natürlich
unangenehm und nicht er strebenswert. Blanke, einfarbige, zumeist graue
Wände allerdings sollten als ein noch größeres Unding
gelten! Sie sind eine tägliche Dosis Gift in unserer zivilisierten
Kultur, gebohren aus übertriebenem Ordnungssinn und enormer Engstirnigkeit.
Die Wertigkeit der einzelnen Sünden ist auf dem Bußgeldkatalog
klar ersichtlich. Das Beschmieren von Häusern soll mit
bis zu 1000 Euro geahndet werden und wird folglich als das mit Abstand
größte Übel angesehen. Daher auch die Motivation für
diesen Text: ich SCHEIßE auf ein Sauberes Freiberg und
vorher verzehr ich Erbsensuppe, Spargel und ein Pfund Hacksteak.
Vollkommene Ordnung bedeutet Stillstand und Tot. Das bunte Chaos an Schildern,
Pfählen und Wänden ist das letzte Leben in der Innenstadt, wo
schon Pflanzen reizlos in Beton gepfercht sind. Deshalb schlage ich vor,
den Bußgeldkatalog zu korrigieren. Dauerhaft einfarbige Wände
und kalte Oberflächen aus Beton und Stahl sollten bestraft werden,
indem der Verantwortliche genügend Material finanziert, um die Flächen
durch junge Künstler aus der Gemeinde verschönern zu lassen.
come clean!
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