potw

 

 

akt.ausgabe

archiv

infotexte

forum

impressum

last update
logo
  FreibÄrger
| akt. ausgabe | archiv | infotxt | forum | impressum |  
info-texte
Auch bei Dark Wave: Profite mit Nazi-Ideologie

[Frieda Freyberg und Karl Chemnitz] Helle Aufregung herrschte beim 8. Wave-Gotik-Treffen zu Pfingsten in Leipzig. Die Szene der Grufties, so die TAZ, werde von Rechtsradikalen unterwandert. Die "Jungle World " machte gar das Zentrum faschistischer Dark Wave-Umtriebe in Thüringen aus. Fakt ist, dass sich zum wiederholten Male bis zu zwanzigtausend Dark Wave-AnhängerInnen in der sächsischen Metropole trafen. Darunter auch eindeutig faschistoide Zirkel wie Mitarbeiter der "Jungen Freiheit" und des Magazins "Sigill" sowie die Bands "Feindflug" aus Chemnitz und "Kirlian Camera" aus Italien. "Feindflug" spielte zum Ende ihres Auftritts ein Hitler-Sample mit der Kriegserklärung an Polen ein. Es gab keinen Widerspruch bei den ca. 50 Fans in der Industriehalle "Werk II". Konzerte von fast 80 Bands, Seminare, Lesungen, Campen, Bogenschießen- und Axt-Weitwurf-Stände sowie Runen-Wahrsagerei und jede Menge Met (Honigwein)- und Gruftie-Klamotten Verkaufsstände prägten drei Tage lang das Geschehen. Das große Geschäft in Leipzig machte der Laden Mittgard-Heidentum & Mittelalter, seit 1997 in Chemnitz und ein neuer Ableger aus Freiberg, der "Yggdrasil"-Laden, der hier näher vorgestellt wird.

Teuflische Geschäfte?

Am 1. April 1999 feierte im lukrativen Touristen-Viertel um den Freiberger Dom in der Kirchgasse der Laden "Yggdrasil" seine Eröffnung. Nach eigener Darstellung eine "Geschäfts- und Versandhandlung für Mittelalter, Okkulta und Brauchtum". In den Auslagen werben die Betreiber mit Schlagworten wie "Honigwein, Celtic Art, Rüstzeug und Antiquariat". Yggdrasil bedeutet "Weltesche". Der Begriff stammt aus der "Edda", einer isländischen Sammlung ostgotischer, süd- und ostgermanischer Götter- und Heldenlieder aus dem 10. bis 13. Jahrhundert, in der geschrieben steht: "Der Götter vornehmste und heiligste Stätte befindet sich bei der Esche Yggdrasil; dort halten die Götter jeden Tag Rat. Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen. Ihre Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf zum Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht und erstrecken sich weithin." Unter den Wurzeln befindet sich der Mimirbrunnen, der der Sage nach Weisheit und Verstand spendet - ein schöner Name also für ein Projekt, das historisch bilden will?

Mittelalter, Okkulta und Brauchtum

Neben Kräutern, Weihrauch, Räuchersteinen und -stäbchen, Rauchschalen, Met und Honiglikör führt der Laden Schmuck - meist germanische und keltische Symbole, Runen, Thorhämmer und dergleichen und Waffen, darunter Schwerter und Helebarden. Bereichert wird das Angebot durch Bücher über die Anwendung dieser "Okkulta", über Kräuter- und Öltherapien, das Legen von Tarot-Karten sowie diverse Publikationen über Magie, Satanismus und Hexen. Derartige Bücher kann man in (fast) jeder Buchhandlung unter dem Stichwort "Esoterik" finden - einer Mixtur verschiedener Religionen, Philosophien, Mythologien und okkulter Techniken. Zentrales Element dieser Ideologie sind Geheimlehren, die nur wenigen Eingeweihten erschlossen sind und damit unhinterfragbar bleiben. Die Natur wird psychologisiert ebenso wie der Mensch, der im wesentlichen auf seinen Geist und einen feinstofflichen "Astralleib" reduziert wird. Der physische Körper und die sozialen Umstände des Lebens bleiben unbeeinflußbar und werden als "Karma" angesehen - eine Art Schicksal, das bestimmt ist durch die vorherigen Leben des Menschen. Solche sich alternativ nennenden Ideen lassen sich besonders in schwierigen ökonomischen Zeiten gut verkaufen..

Hitler ein Ur-Germane?

Im sogenannten Antiquariat von "Yggdrasil" wird der Themenbereich Mittelalter kaum abgedeckt, dafür aber gibt es deutsch-nationale Publikationen aus den 20er und 30er Jahren in Hülle und Fülle, sei es über deutsche Helden, deutsche Kriege, deutsche Heimat, deutsche Welt ... . Hier werden national-völkische Klischees bedient und an den Kunden gebracht. "Das deutsche Volk endlich wieder für seine Geschichte sensibilisieren", heißt es im Vorwort eines im "Yggdrasil" zum Verkauf stehenden Buches aus dem Jahre 1935 zum Lob auf die Regierung Hitlers. Im untersten Regal liegen Ausgaben der "Deutschen Welt" aus den zwanziger Jahren, dem Organ des "Vereins für das Deutschtum im Ausland", der heute noch, mit staatlichen Mitteln gefördert, seine deutsch-völkische Politik betreiben darf.

Neben deutsch-völkischen werden etliche Werke zur Runenkunde angeboten. So manches von Neo-Nazis genutze Runenzeichen wie das Hakenkreuz (als Sonnenrad-Motiv), die Irminsul-Säule oder die Odalsrune, die der Betreiber des "Yggdrasil" auf seinen linken Unterarm verewigt hat, sowie das von der verbotenen "Nationalistischen Front" (NF) benutzte Keltenkreuz werden über die pseudo-germanischen Kulturschiene wieder an die Leute gebracht. Auffallend breit ist in "Yggdrasil" auch die Palette an Büchern aus dem Arun-Verlag. Daß dieser Verlag keineswegs nur aus geschäftlichen Gründen auf der Esoterik-Welle reitet, sondern ein politisches Ziel verfolgt, wird auch an der Person des Verlagsleiters deutlich. Stefan (wahlweise auch Björn) Ulbrich war bis 1984 Funktionär der neo-faschistischen "Wiking-Jugend" (WJ), die seit 1994 in der Bundesrepublik verboten wurde. Nebenbei arbeitete er als Redakteur bei der faschistoiden "Jungen Freiheit". Der Arun-Verlag bot dem Faschisten-Anwalt Jürgen Rieger, dem Kopf der französischen "Nouvelle Droite", Alain de Benoist" ein Podium. Die Werke des Vordenkers der italienischen Faschisten Julius Evola werden im Arun-Verlag veröffentlicht. Das Werk "Cavalcare la Tigre - den Tiger reiten" ist in mehrfacher Ausführung im "Yggdrasil" vorhanden. Die "Junge Freiheit" pries das Werk als "Handbuch für junge Menschen". Evola propagierte die Durchsetzung einer faschistischen Ästhetik des "Harten, Männlichen, Sonnenhaften" gegenüber dem "Tiger als Sinntier des weichen, weiblichen, mondhaften Yin-Prinzips" als Symbol für die "Moderne".

Ein ähnlich mystisches Weltbild vermittelt der "Thriller" "Die schwarze Sonne von Tashi Lhunpo" Russel McClouds, der auf längst tot geglaubte Verschwörungstheorien zurückgreift und den fiktiven "Endkampf" zwischen nationalsozialistischen Hohepriestern und Vertretern der freimaurerischen Weltordnung beschreibt. Auch dieses Buch kann der interessierte Kunde in der "Weltenesche" kaufen. Ebenfalls erhältlich sind Bücher aus dem neo-faschistischen Grabert-Verlag, der sich bekanntermaßen auf die Herausgabe geschichtsrevisionistischer Klassiker spezialisiert hat, in denen der Holocaust in Frage gestellt wird.

SA-Chef Ernst Röhm als Cover-Gestalt

Die Verbindung zwischen Neo-Faschismus und Dark Wave wird beispielsweise durch das in Dresden erscheinende Fanzine "Sigill. Magazin für die konservative Kulturavantgarde Europas" hergestellt, das man im "Yggdrasil" auf Wunsch bestellen kann. Als Mitwirkender taucht im Impressum Arun-Verleger Björn Ulbrich auf. Bevorzugt werden in "Sigill" Bands interviewt und beworben, die in der Szene wegen ihrer rechten Gesinnung umstritten sind. Als Beispiele seien genannt: "Kirlian Camera", die sich bei einem Konzert in Berlin vor einem Jahr mit dem "Hitler-Gruß" verabschiedeten und "Death in June". "Tod im Juni" wurde 1981 gegründet. Der Bandname spielt auf den Todesmonat von SA-Chef Ernst Röhm an, das Logo der Band ist ein SS-Totenkopf mit einer 6 für Juni. Zeitweise nannte sich Bandleader Douglas Pearce gar "D. Röhm". Von sich Reden macht der Sänger vor allem, indem er mit eindeutig nationalsozialistischen Symbolen "spielt". Dazu gehört die Vertonung des "Horst-Wessel-Liedes" auf dem Album "Brown Book" 1987, das in der BRD zunächst zu rechtlichen Konsequenzen führte. Das Cover des Albums "Sun Dogs" ziert ein aus vier Hundeköpfen gebildetes "Sonnenrad" - unschwer als Hakenkreuz auszumachen. Daß es sich hier nicht um reinen Symbolfetischismus handelt, sondern um gezielte ideologische Propaganda, wird in zahlreichen Interviews deutlich, die Douglas Pearce in einschlägigen Magazinen gibt. Da wird die ehemalige "Reichsführerschule der SS" in Wewelsburg als "Platz göttlicher Erscheinung" bezeichnet und 1993 Verständnis für den Mob von Rostock und Hoyerswerda geäußert: "Hast du jemals Tür an Tür mit Zigeunern gelebt? Ich kann den Groll verstehen, der in Ostdeutschland zum Vorschein kommt." (D. Perace in der "Glasnost" Nr. 37)

Glücklicherweise treffen faschistische Strömungen in der "schwarzen Szene" auch auf entschiedenen Widerstand. Bekannte Bands wie "Goethes Erben" und "Deine Lakaien" distanzieren sich öffentlich und warnen ihre Fans vor der "Rechtskacke". CDs solcher Bands werden bezeichnenderweise im "Yggdrasil" nicht angeboten. Im übrigen mußten die "Junge Freiheit" und die "Sigill" ihren Stand auf Drängen etlicher Grufties räumen. Der Teufel muß kein Faschist sein. Von Altmeister Brecht kommt der Vers: Gott ist ein Faschist.

| printable | info-texte | top