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Winterreise auf der Silberstraße

In Erinnerung an die Menschenjagd, die am 30. Juli 1998 sieben Menschen aus dem Kosovo in Weißenborn das Leben kostete. Wir fordern immer noch das Anbringen einer Gedenktafel!

für Isuf, Valdet, Shaban, Sali, Arton, Zaim und Lumni

[ Eildert Schoof ] "Was besseres als den Tod finden wir überall..." , mit dieser Losung machten sich ein störrischer Esel, ein zahnloser Hund, eine ausgediente Katze und ein abgetakelter Hahn auf den Weg nach Bremen. Sie räumten ein von Räubern bewohntes Waldhaus mit einem einfachen IAWAUWAUMIAUKIKERIKI. Das ist lange her. Inzwischen lassen sich solche Räuber gerne von denen schützen, die sie eigentlich verfolgen müßten.
Bis heute hat der bürgerliche Räuber-Tisch, mit all den freßsüchtig machenden Leckereien, nichts an seiner Üppigkeit verloren. Gerade zum Weihnachtsfest trieft das Fett aus Fleisch, Schokolade, Nüssen und Weihnachtsmännern. Ganz anderes galt für die vegetarischen MusikantInnen: der Esel fraß Bio-Hafer, der Hund roch keinen Braten mehr, die Katze biß keiner Maus mehr den Lebensfaden ab und Gevatter Hahn war immer schon ergebener Körnerpicker. Soziologisch zählten die aufmüpfigen MusikantInnen zum untersten Drittel des Dienstleistungsbereichs, auch als tertiärer Produktionssektor bekannt. Sie waren aufgrund ihrer schlechten Klassenlage aufgebrochen, um ihre eigenen Dienstherren zu werden. Sie suchten nach gesellschaftlichen Freiräumen. Eigenständigkeit war ihr Ziel, der Aufstieg vom buckelnden, stets höflichen Diener zum mittelständischen Selbstständigen ihr Karrierewunsch: der Lastenträger, der Wachmann, die Kammerjägerin, der Weckdienstler und Wetterbote - alle hatten genug von ihrem Dienstverhältnis in einer scheinbar immer noch feudal strukturierten Gesellschaft, in der die Langgedienten ausrangiert oder um den Rest ihres Lebens gebracht wurden, weil sie von ihren Dienstherren nicht mehr augebeutet werden konnten.
Die gemeinsame Notlage, das Ausgegrenztsein aus der Gesellschaft, hatte die MusikantInnen, die außer ihren eigenen Stimmbändern kein Instrument beherrschten, auf die Straße getrieben. Zunächst waren sie nur mit dem Ziel "Bremen" aufgebrochen. Ein Konzept, ihr zukünftiges Leben zu organisieren, hatten sie kaum. Etwas besseres als den Tod, das ließe sich überall finden. Wirklich. Das bekannte Märchen hört da auf, wo heute der Anfang liegt: Hunger leidet in Bremen kaum jemand mehr. Die modernen Räuber von ihren Tischen vertreiben, wäre kein revolutionärer Akt mehr; man würde Räuber-Leben verlängern, wenn man sie von den Gründen ihrer Zivilisationskrankheiten befreien würde.
Die gemeinsame Zugehörigkeit zum tertiären Bereich korrespondierte mit den unterschiedlichen Fähigkeiten, gegen Ungerechtigkeiten zu opponieren. Der Wetterbote vertraute auf seine Flugkünste und seine gute Nase, die Kammerjägerin auf ihre Nachtsichtstärke, der Wachmann auf sein abschreckendes Gebell und der Lastenschlepper auf seinen starken Rücken. Zusammen waren sie um ein Vielfaches stärker. Nach der kollektiven Erledigung der Aufgabe, die Vertreibung und Enteignung von Räubern, die eine Schreckensherrschaft errichtet hatten, mußte es irgendwie weitergehen.
Sollte man sich in der Hanse-Stadt, im satten Westen niederlassen? Hatten sie nicht "Im Westen nichts Neues" als deutliche Warnung entziffert und aus dem Leitspruch "ex oriente lux" nicht sinnigerweise die Erkenntnis gewonnen, daß die Morgenröte des Ostens neues Glück und blühende Landschaften verhieß? Die Katze maunzte vergnügt bei dem Gedanken, der Sonne entgegen zu streichen. Sie hatte längst die patriarchalischen Ketten in der männerdominanten Old Boy-Group gesprengt. Frisch gewagt, die altkluge Katze erinnerte sich an die alte Silberstadt im sächsischen: Freiberg. Der Name schien Programm. Freiheit mit Weitblick. Aber was für ein Abenteuer kam auf unsere MittelständlerInnen zu!
Nichts konnte sie aufhalten, das Ziel immer vor Augen, komponierten sie fast täglich neue Songs. Es war ausgemachte Sache, im alten Freiberg aus Ruinen einen Musentempel zu errichten. Sie waren zweifelsfrei der Zukunft zugewandt. Und sie kamen tatsächlich an: frühmorgens am Heiligabend 1998, auf dem schneebedeckten Obermarkt im silbernen Freiberg. Wohin sollten sie sich wenden? Die Freiberger Kirchen waren geschlossen, das Obdachlosenheim überbelegt und in Asylunterkünften war es auch nicht besser. Fremdenfeindliche Blicke von konsumierenden Massenmenschen. Das sollte Freiberg sein? Hartgefrorene Menschenherzen. Es war Winter und bitterkalt. Was war nur aus der neuen Selbständigkeit, dem Gefühl der neuen Mitte geworden, das im Schein von roten Kerzenlämpchen auf immergrünen Tannenbäumen aufflackerte? "Plastikbäume und soziale Kälte", grummelte der Hund. Der Wetterbote hielt erneut Ausschau von den drei großen Kreuzen, die im Schatten von Konsumtempeln aus Beton, Glas und Stahl an alte Zeiten erinnerten. Der Hahn blickte über die sächsische Schweiz noch tiefer in den Osten. Wohl sah er den hellen Schein, dem man als glücksversprechenden Hoffnungsschimmer seit tausenden von Jahren, einem inneren Zwang gehorchend, folgen mußte. "Auf", krähte es von den drei Kreuzen, "auf nach Tschechien!" So zogen unsere MusikantInnen mit abgewiesenen Flüchtlingsströmen durch grünes BGS-Spalier, vorbei an eilig aufgestellten Bürgertelefonhäuschen, in Richtung Prag. Ihr verheißungsvoller Song vom besseren Leben hallte noch lange aus dem Erzgebirge wider. Weg von der Bastei, hin zum goldenen Prag. Weihnachten war noch nicht vorüber, da erreichten sie die Tore des altehrwürdigen Prags. Auf der Karlsbrücke war immer noch das Graffiti zu erkennen: Dass der Tod uns lebendig findet + das Leben uns nicht tot.

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