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Schnauze voll!
[fbÄ, ray] Bei den Landtagswahlen in
Sachsen erreichte die neonazistische Partei NPD 9,2 Prozent der Zweitstimmen
und zog mit 12 Mandaten in das Parlament ein. 190.909 WählerInnen
von insgesamt 2,1 Millionen haben der NPD ermöglicht nach sechsunddreißigjähriger
Abstinenz wieder in einen Landtag einziehen zu können. Die Partei
wird die Privilegien der Parlamentszugehörigkeit wie Finanzen, öffentliches
Forum für Propaganda dazu nutzen, um ihr Ziel des Einzugs in den
deutschen Bundestag 2006 und des Recyclings nationalsozialistischen Gedankenguts
zu verwirklichen. Im Juni 1930 ergriff ein Schock das Land Sachsen. Die
NSDAP hatte bei den Landtagswahlen 14,43 % der WählerInnen-stimmen
erzielt und damit im Vergleich zu den Wahlen ein Jahr vorher um 9,47 %
zugelegt. Im sächsischen Landtag saßen damals 11 Parteien.
Von den 96 Mandaten gehörten 32 Mandate der SPD, der die NSDAP mit
14 Mandaten als zweitstärkste Fraktion folgte. Gleichwohl stellte
nicht die SPD, sondern die DNVP den Ministerpräsidenten. Drei Jahre
nach dem Erfolg der Nazis wurde der Landtag aufgelöst. In keinem
anderen Land war die NSDAP zu dem Zeitpunkt so erfolgreich wie in Sachsen.
Die liberale Frankfurter Zeitung kommentierte den Wahlausgang
mit dem Satz, die Wahlen im Freistaat Sachsen hätten bedeutende Folgen
für das Deutsche Reich. Unterstützung erhielt die NSDAP vor
allem von der Landbevölkerung. Nach ihrer Legalisierung in Sachsen
Ende 1924 wurde der Freistaat zu einem Schwerpunkt der nationalsozialistischen
Agitation. Am 11. Juni 1925 kam Hitler ins Vogtland nach Plauen, wo er
vor 3500 Menschen aus ganz Sachsen sprach. Im April 1928 mussten vor der
größten Halle in Chemnitz 1000 Leute von der Polizei zurück
gehalten werden, weil der Saal mit 3000 Besuchern schon überfüllt
war. Die Reaktionen der bürgerlichen Parteien auf das energische
Vorgehen der Nazis beschreibt der amerikanische Historiker Benjamin Lapp
in seinem 1997 erschienenen Band über den Aufstieg des Nationalsozialismus
in Sachsen als jämmerlich und passiv.
Bei der Landtagswahl 2004 erhielt
die NPD in ländlichen Gebieten doppelt so viele Wählerstimmen
als in den Städten. Der Kontakt zu den BürgerInnen war eher
bescheiden. Zwar hat die Partei im sächsischen Wahlkampf im Unterschied
zu der künftigen Schwesterpartei, der neonazistischen DVU, in Brandenburg
mit Wahlständen und Einsätzen der roten Legende,
einem für den Wahlkampf umfunktionierten Feuerwehrauto älteren
Modells aus Lüneburg, persönliche Präsenz gezeigt, aber
nicht wirklich BürgerInnen auf der Straße ansprechen können.
Die meisten Menschen dürfte sie während des Tag der Sachsen
erreicht haben, als sie ein gemietetes Flugzeug stundenlang mit NPD-Werbebanner
über die Stadt Döbeln und Hunderttausenden BesucherInnen kreisen
ließ. In manchen Städten hatte die NPD als erste Partei den
Wahlkampfreigen mit einem eigenen Stand eröffnet und dabei ihre in
hoher Auflage gedruckte Wahlzeitung frühzeitig verteilt sowie die
Fußgängerzonen mit dem schrill klingenden Geplärre von
Frank Rennicke beschallt. Die Wahlkampfauftritte der NPD waren überall
sorgfältig geplant. Um den mit wenigen Mitgliedern und Anhängern
besetzten Propagandaständen flanierten zur Absicherung in Kleingruppen
von zwei bis vier Personen weitere Neonazis im unauffälligen Outfit.
Sobald die NPD einen Stand aufgebaut hatte, waren auch Polizeikräfte
vor Ort, die bei anderen Parteien meistens fehlte. Nur in wenigen Städten
wie in Dresden und Pirna kam es zu massiven Störungen des NPDWahlkampfs
durch AntifaschistInnen. Die NPD trat auch nur dort in Erscheinung, wo
sie schon bei den Kommunalwahlen im Juni Erfolge erzielte und in den 31
von 60 möglichen Wahlkreisen, in denen sie ihre 31 DirektkandidatInnen
nominiert hatte. Die Plakatierung erfolgte flächendeckend und in
den meisten Fällen wurden abgerissene Plakate zügig durch höher
gehängte ersetzt. Nach dem neofaschistischen Großereignis Hess-Marsch
im bayerischen Wunsiedel erhielt die sächsische NPD Wahlkampfunterstützung
aus dem Westen. Schon hier wurde die reibungslose Zusammenarbeit zwischen
den sogenannten Freien Kameradschaften und der sich nach außen
eher kleinbürgerlich gebenden NPD offensichtlich. Nutznießer
des NPD Wahlkampfs dürfte auch der Nazi-Barde Frank Rennicke gewesen
sein, dessen Auftritte während einer Wahlkampftournee unbehelligt
von Polizei und Antifa abliefen. Die Produktion und kostenlose Verteilung
einer Musik CD im grün-weißen Cover der sächsischen Landesfarben
zum Wahlkampf mit einschlägigen Rechtsrock-Titeln von Rennicke, Sturmwehr,
Spreegeschwader, Funkenflug, Lunikoff, Sturmwehr, Noie Werte, Faustrecht,
Nordwind, Annett, Sleipnir und Schlachthaus zum Abschluss des Wahlkampfs
war medienwirksam und erhöhte den Bekanntheitsgrad der NPD, wozu
die vorübergehende richterliche Beschlagnahme ein gerütteltes
Maß beitrug. Der Einzug der NPD in den sächsischen Landtag
war vorhersehbar, nachdem die Partei bei den Europa- und Kommunalwahlen
im Juni bereits einige Erfolge aufzeigen konnte. An zahlreichen sächsischen
Schulen wurden im Umfeld der EU Wahlen und vor der Landtagswahl sogenannte
Schülerwahlen abgehalten, bei denen Tausende von SchülerInnen
zwischen 14 und 18 Jahren im Unterricht wählen durften. Die Ergebnisse
für die NPD waren hier zum Teil zweistellig, an manchen Schulen wurde
sie sogar zweitstärkste Partei hinter der CDU. Das sächsische
Kultusministerium verzichtete daraufhin auf eine vorher versprochene Veröffentlichung
der Ergebnisse.
Ein völkisch-rassistisches Wahlprogramm
Das Parteiprogramm der NPD für Sachsen zeigt deutliche Züge
von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, aber auch für Jugendliche
unpopuläre Forderungen wie dem nach einem generellen Rauchverbot
an Schulen. Im Bereich Bildungspolitik fordert die NPD: Die Überfremdung
unseres Kultur- und Sprachschatzes durch Anglizismen muss gestoppt werden.
....Die Einführung von Englischunterricht in der Grundschule (oder
gar Kindergarten) ist abzuschaffen. ... Abschaffung des Religionsunterrichts
an staatlichen Schulen ... Ausländische Kinder ohne ausreichende
Deutschkenntnisse dürfen nicht eingeschult werden. ... Abschaffung
der Rechtschreibereform . ...Pflichtfach gesunde Ernährung
an allen Schulen. Im Bereich Arbeit- und Wirtschaftspolitik stehen
die Forderungen nach Ablehnung der Globalisierung, der Austritt aus der
Europäischen Union sowie eine Volks- und Raumnahe - Wirtschaftskonzeption
im Mittelpunkt. In seinem Kern ist das Programm völkisch-rassistisch.
Die Forderung nach Abschiebung straffällig gewordener Ausländer
in ihre Herkunftsländer, nach einer Arbeitspriorität für
Deutsche und nach Abschiebung von Ausländern, die drei Monate arbeitslos
sind unterstreichen das. Das Programm fand seine plakative Ausführung
in der Wahlwerbung mit den Slogans Grenzen dicht!, Ausländer
gute Heimreise! für den Rassismus und Schnauze
voll!, Wahltag ist Zahltag! als Kritik an der HartzIV-Gesetzgebung.
Sachsen, Vorreiter für andere Bundesländer ?
Schon die Soziogramme der sächsischen NPD-Abgeordneten lassen vermuten,
dass die Landtagsfraktion gegen Auflösungserscheinungen, wie sie
bei verschiedenen DVU Fraktionen beispielsweise in Bremen und Sachsen-Anhalt
auftraten, resistent ist. Die meisten NPD-Abgeordneten sind typische Kleinbürger,
zu ihrem ersten Auftritt im Parlament erschienen die Männer in Anzug
und mit Krawatte und bedeutsamer: die meisten sind schon einige Jahre
in der Parteipolitik eingebunden und haben bereits langjährige Erfahrungen
in Kommunalparlamenten. Die Option bei der Bundestagswahl 2006 erfolgreich
sein zu können, schweißt die Partei weiter zusammen. Nach den
Wahlen in Sachsen und Brandenburg können die neonazistischen Parteien
NPD und DVU erneut mit Geldern aus der Staatskasse rechnen. Das stärkt
die Logistik. Die DVU kann rein theoretisch für 71003 Stimmen 60352,55
Euro reklamieren, die NPD für 191087 Stimmen 162423,95 Euro.
Bereits
für das Jahr 2003 hatten beide Parteien Ansprüche angemeldet.
Ausgezahlt bekam die DVU 230923,70 Euro und die NPD 334291,43 Euro. Zu
diesen Geldern kommen zusätzliche Mittel, die den Abgeordneten wegen
ihrer Parlamentstätigkeit zustehen wie z.B. Gehälter für
MitarbeiterInnen. Im Augenblick ist ein regelrechter Strom von NPD-Funktionären
und führenden Köpfen der Freien Kameradschaften
aus dem Westen der Bundesrepublik nach Sachsen zu beobachten, so dass
davon auszugehen ist, dass die sächsische NPDLandtagsfraktion von
einem professionellen Mitarbeiterstab bekannter Neonazis unterstützt
und gelenkt wird. Die Einbindung so bekannter Nazifiguren wie Thomas Wulff,
Thorsten Heise, Alexander Tegethoff und des ehemaligen Landser
Sängers Michael Regener (Spitzname Lunikoff) in die NPD
lässt den Schluss zu, dass hier Funktionäre gewonnen wurden,
die für spezielle Wahlkampfaufgaben in anderen Bundesländern
eingespannt werden sollen. Hier dürfte mehr noch als Schleswig-Holstein
und Mecklenburg-Vorpommern das Land Niedersachsen für die NPD von
größerem Interesse sein. Schließlich ist dort die Partei
im November 1964 gegründet worden.
Ignoranz statt antifaschistischem Engagements
Die sächsische CDU hat die Existenz von Neonazis beständig geleugnet.
Im September 2000 hatte der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf
(CDU) in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung
erklärt: In Sachsen haben noch keine Häuser gebrannt,
es ist auch noch niemand umgekommen. Zu dem Zeitpunkt des Interviews
hatten in Sachsen sieben Menschen in Folge von rassistischen Übergriffen
ihr Leben verloren. Mit dem Mord am Mosambikaner Jorge Gomondai, der 1991
in Dresden von Nazi- Skins angegriffen und dabei aus einer Straßenbahn
stürzte, fing die Mordserie in Sachsen an. Biedenkopf hat seine offensichtlich
falsche Behauptung nie zurückgenommen. Das Verhalten und die Erklärungen
von PolitikerInnen am Wahlabend des 19. Septembers 2004 lassen ebenso
nichts Gutes ahnen. Als der Nazi Holger Apfel ans Mikrofon trat und von
einem großartigen Tag für alle Deutschen, die es noch
sein wollen faselte verließen die Vertreter der anderen Parteien
den Interviewstand der Fernsehsender. Während die bürgerlichen
Parteipolitiker vor den Neonazis öffentlich wegtauchten, demonstrierten
am Sonntagabend etwa 150 AntifaschistInnen spontan gegen den Einzug der
NPD in das Landesparlament. Zur Eröffnung des Parlaments am 19. Oktober
drückten noch einmal doppelt so viele Menschen ihren Protest gegen
die NPD aus. Zu der Demonstration hatten über hundert Prominente
überwiegend KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen aufgerufen.
Für eine Großstadt wie Dresden ist das Ergebnis der Mobilisierung
eher als peinlich zu bewerten. Das gilt auch für einige auf Plakaten
zum Ausdruck gebrachte Statements wie Kein Sex mit Nazis oder
mit Hinweis auf die zukünftige Zusammenarbeit von NPD und DVU: Da
wichst zusammen, was zusammengehört! Das wird zu wenig sein,
um den Einfluss der Neonazis und ihre weitere Ausbreitung zu verhindern.
Was die Antifa im allgemeinen versäumt hat, ist über einen gewissen
Metropolen-Antifaschismus hinaus auch in ländlichen Gebieten permanent
präsent zu sein, um dort aufkommende Nazi- Strukturen entscheidend
zu bekämpfen.
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